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Der Herr Minister – Das Heim


Das Buch „Gespräche mit dem Herrn Minister“ samt DVD erscheint im Februar (Präsentation am 29. Februar ab 19:30 Uhr im Theater am Alsergrund, Löblichgasse 5-7, 1090 Wien)


Dazu gibt es bereits jetzt einen Trailer auf YouTube


Sprecherin

In den vergangenen Wochen machten Gerüchte über eine stressbedingte Erkrankung des Verteidigungsministers die Runde. Wir sind dem nach­gegangen und wir haben einen Interviewtermin beim Herrn Minister bekommen. Dazu gebe ich direkt zu unserem Korrespondenten vor Ort.


(Der Herr Minister und der Moderator befinden sich in einem völlig weißen Raum. Der Herr Minister sitzt hinter einem kleinen Schreibtisch. Darauf befinden sich ein kleines Stempelkissen sowie ein kleiner Stempel. Der Moderator sowie einer der Kameramänner sind mit Verbänden und Pflastern versehen.)


Moderator

Herr Minister, Sie haben sich die Zeit genommen, um mit uns über Ihre gegenwärtige Situation zu reden. Wie geht es Ihnen?


Der Herr Minister

Gut. Gut. Und jeden Tag besser!

Und wie ich sehe, Ihnen geht’s auch wieder gut. Fein …


Moderator

Ja …!

Herr Minister, haben Sie in letzter Zeit Kontakt mit Ihrem Ministerium?


Der Herr Minister

Wieso Kontakt? Ich leite es. Egal, wo ich bin. Das ist wie in der Elektro­physik. Ich bin praktisch ein natürlicher Leiter. Schauen Sie, das ist ja auch kein Wegwerfministerium, wo man einen Minister abfüllt, leermacht, entsorgt, recycelt und für ein neues Ministerium neu abfüllt.


Moderator

Verstehe …


Der Herr Minister

Ja. Hier bin ich und hier bleibe ich auch.

Ich habe meinen Platz gefunden.

Schön.


Moderator

Bekommen Sie Besuch von Ihren Ressortkollegen?


Der Herr Minister

Besuch? Die sind alle nebenan. Ich kann Sie manchmal hören. Ihre Stimmen.


Moderator

Stimmen?


Der Herr Minister

Stimmt. Stimmen. Bestimmte Stimmen. Die diskutieren.

Da will ich nicht stören.

Manchmal summen sie auch nur …


Moderator

Summen?


Der Herr Minister

Ja. So: (summt)


Moderator

Wissen Sie, dass ich früher Imker werden wollte? Als Kind.


Der Herr Minister

Ja? Interessant.

Bienen haben ja richtige Staaten. Mit Regierungen.


Moderator

Die Bienenkönigin.


Der Herr Minister

Ja, aber das würde mit einem Bienen-Bundeskanzler genauso funktionieren. Spielt ja auch keine Rolle. Die Wabe will so oder so regiert werden!


Moderator

Ja, natürlich …


Der Herr Minister

Bei uns ist es ja auch wie in einem Bienenschwarm. Dieses ständige Gesumme, die Sitzungen, Empfänge, Ministerräte, der Honig, Imker Trubel, … ah, ich meine: Immer Trubel!


Moderator

Hier leben Sie ja momentan eher abgeschieden.


Der Herr Minister

Der Starke ist am mächtigsten allein! Das hat ja schon dieser Deutsche gesagt, dieser Merkel …, oder war das der Dalai Lama …?

Egal, jedenfalls bin ich jetzt wieder ganz im Zentrum des Geschehens.

Ich fühle mich wie Österreich!

Österreich ist ja in den letzten Jahren auch wieder ins Zentrum gerückt; der Weltpolitik nämlich! Sportlich und militärisch sind wir ja in eine Vorreiterrolle gedrängt worden!


Moderator

Ja … Ein interessanter Standpunkt. Zweifellos.


Der Herr Minister

Ja, und der Standpunkt ist ja das wichtigste Werkzeug in der Politik. Gebt mir einen Standpunkt und ich hebe die Welt aus den Angeln.


Moderator

Das werden Sie ja hoffentlich nicht vorhaben mit der Welt?


Der Herr Minister

Nein, ich gehe auch nicht angeln, wenn Sie das meinen …


(Es klopft. Ein Mann in amerikanischer Uniform tritt ein, salutiert, übergibt dem Herrn Minister einige Papiere, die dieser stempelt und ihm zurückgibt. Geht ab.)


Moderator

(beobachtet die Aktion erstaunt)


Der Herr Minister

Ein Bote aus der amerikanischen Botschaft …


Moderator

Ein Bote?


Der Herr Minister

Bote. Darum wahrscheinlich auch Bot-schaft, hahaha. Ein Scherz. Ein Scherz. Ja … So. Aus. Scherz beiseite. Ein Bote. Internet und Telefon sind zu unsicher. Könnte man abhören. Das ist ja alles top geheim, also streng secret!


Moderator

Ja, dann also zu etwas ganz Anderem …


Der Herr Minister

Ich berate nämlich die amerikanische Regierung!


Moderator

Top secret.


Der Herr Minister

Wie meinen?


Moderator

Streng geheim.


Der Herr Minister

Sagen Sie nichts, dann will ich es gar nicht wissen!


Moderator

Nein, ich meine, Ihre Gespräche mit der amerikanischen Regierung sind streng geheim!


Der Herr Minister

Ahso, ja. Selbstverständlich!

Unter uns, die haben Schwierigkeiten mit ihrem Personal.

Aufmuckende Generäle und Admiräle und Oppositionelle und was weiß ich noch alles!

Das geht nicht!

Nicht in der Politik, nicht beim Sport und schon gar nicht beim Militär!

Wenn hier jemand kritisiert, sage ich: Raus aus dem Bienenstock, sonst wird der Honig sauer!


Moderator

Herr Minister, diese vertraulichen Informationen …


(Es klopft. Ein Mann, in dem wir unschwer den Boten von vorhin erkennen, kommt als Afrikaner verkleidet, mit einer Fantasieuniform herein, salutiert, übergibt dem Herrn Minister einige Papiere, die dieser stempelt und ihm zurückgibt. Geht ab.)


Der Herr Minister

Ja, das war ein Bote aus den Kolonien …

Ich bekomm da immer nach dem Frühstück die aktuellen Berichte.


Moderator

Aus den Kolonien?


Der Herr Minister

Ja, nach dem Tschad-Einsatz meiner Truppen haben wir dann ja gleich ganz Afrika befriedigt.


Moderator

Befriedet.


Der Herr Minister

Auch. Und jetzt ist Österreich wieder ein richtiges Reich, wie ja der Name schon sagt. Und da geht die Sonne jetzt nie mehr unter.

Außer am Abend.

Aber glauben Sie nicht, die hätten jetzt keine Probleme mehr.

Ganz im Gegenteil! Aber auch da gilt das gleiche, ja! Wer nicht pariert, fliegt. Also: Muss fliegen! Und zwar weg! Nest hin oder her!


Moderator

Herr Minister, ich fürchte, ich kann Ihnen jetzt nicht folgen …


Der Herr Minister

Fürchten Sie nicht, folgen Sie mir unbesorgt. Der Storch ist noch nicht geboren, den ich nicht in den Griff bekomme!


Moderator

Ah, ich verstehe: Die Störche in Zeltweg. Das war ja eine Aktion, die internationale Medien auf den Plan gerufen hat. „Soldaten als Vogelscheuchen eingesetzt“, „Männer, die auf Störche starren“. Es war ja einer Ihrer Masterpläne der letzten Zeit. Störche, die den Flugverkehr behindern, durch Anstarren vertreiben.


Der Herr Minister

Vergrämen, das ist der Fachausdruck!

Ja, ich habe das auch aufmerksam verfolgt.

Das mit der Vergrämungstaktik ist mir zum Beispiel hier eingefallen.


Moderator

Das habe ich mir beinahe gedacht.


Der Herr Minister

Und in Afrika sind diese Störche ja auch. Fliegen ja von uns dort hin. Auswanderer, verstehen Sie.

Und jetzt berate ich die Afrikaner, wie sie die wieder loswerden. Das funktioniert ja überall. Ich zeige Ihnen das! Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Storch.

Ich nähere mich Ihnen jetzt bis auf Fluchtdistanz.

So. Und jetzt starre ich Sie an.


Moderator

(wendet sich mit hilfesuchendem Blick an den Kameramann)


Der Herr Minister

Sehen Sie! Sie ertragen das nicht. Sie fürchten um Ihren Futterplatz und sind vergrämt.

Obwohl Sie ja gewissermaßen kein Storch sind, haben Sie das Bedürfnis, wegzufliegen!


Moderator

Ja, und ich muss auch tatsächlich bald …


(Es klopft. Ein Mann, in dem wir wieder den verkleideten Boten, diesmal in Pelzmütze, Bärenfellmantel, mit falschem Bart, Sonnenbrille, erkennen, tritt ein, salutiert, übergibt dem Herrn Minister Papiere, die dieser stempelt und zurückgibt. Geht ab.)


Moderator

Russische Botschaft?


Der Herr Minister

Ja, aber: Pscht! Das war jetzt der Kurier des Zaren.

Russland bekommt von uns logistische Unterstützung.

Die haben dort Störe. Und die stören die U-Boote. Werden auch vergrämt.

Ich sage Ihnen eines: Wenn es notwendig ist, vergrämen wir die ganze Welt.


Moderator

Ja, und ich muss mich jetzt leider verabschieden. Herr Minister, danke für das Interview!


Der Herr Minister

Gerne, und wenn Sie wieder etwas brauchen: Ich bin immer für Sie da.

Schicken Sie einfach einen Boten.


(Szenenwechsel: Der Moderator sitzt Dr. Benesch, dem Arzt des Herrn Minister, gegenüber, in dem wir unschwer den „Boten“ erkennen. Diesmal trägt er orientalische Gewandung.)


Moderator

Doktor Benesch, Sie als behandelnder Arzt verfügen über das nötige Insiderwissen: Wie geht es dem Herrn Minister?


Doktor Benesch

Gut. Und jeden Tag besser. Eine leichte Form bipolarer Omnipotenz­störung. Bei seinem Berufsbild eine ganz normale Arbeitserkrankung. Wir begegnen dem mit performativer Motivationstherapie – eine Methode, die übrigens ich in die Psychotherapie eingeführt habe.

Die Ergebnisse der Therapie sind in jeder Hinsicht zufriedenstellend. Der Herr Minister ist mittlerweile wieder voll einsatzsfähig. Sie haben ihn ja selbst erlebt!


Moderator

Ja …


Doktor Benesch

Sehen Sie! … Ja, und ich muss weiter. Ich habe einen Doppeltherapie-Termin mit dem Herrn Wirtschaftsminister und der Frau Finanzminister. Erdölverkauf, Sie verstehen …


Moderator

Ja … ich ah …


(Black)